TG Mannheim Preisträger der Robert-Enke-Stiftung 2020

Am Bundesstützpunkt der Kunstturnerinnen in Mannheim ist die Freude groß über den mit 2500 Euro dotierten dritten Preis der Robert-Enke-Stiftung 2020.

Robert Enke war ein sehr erfolgreicher Bundesligatorwart bei Hannover 96 und achtmaliger Nationaltorhüter. Trotz des Erfolges litt er über mehrere Jahre an Depressionen und nahm sich am 10. November 2009 das Leben. Er hinterließ seine Ehefrau Teresa und eine acht Monate alte Tochter. Sein Tod hat tiefe Betroffenheit und großes Mitgefühl in der Bevölkerung und Sportwelt ausgelöst. Die Krankheit Depression wurde durch seinen tragischen Tod in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt.

2010 wurde die Robert-Enke-Stiftung gegründet. Der Förderpreis der Robert-Enke-Stiftung zeichnet Projekte, Maßnahmen und Konzepte von Nachwuchsleistungszentren, Olympiastützpunkten, Sportinternaten oder -vereinen aus, die sich im Hinblick auf die Prävention, Diagnostik oder Behandlungsstruktur für eine nachhaltige Auseinandersetzung mit der seelischen Gesundheit im Nachwuchsleistungssport eingesetzt haben.

„Für den Bundesstützpunkt in Mannheim ist die Auszeichnung eine ganz besondere Würdigung, mit der wir kaum gerechnet haben“, so Joachim Fichtner, Vorstand Sport des Trägervereines Turngemeinschaft Mannheim. Aber auch Cheftrainerin Alina Korrmann sowie Sportpsychologin Laura Giessing waren sehr überrascht. Schließlich zählen zu den bisherigen Preisträgern vor allem größere Leistungszentren in Sportarten mit größerer öffentlicher Aufmerksamkeit, z.B. die Flensburger Handball-Akademie als Erstplatzierter in diesem Jahr.

Diese Auszeichnung ist für den Mannheimer Stützpunkt daher eine wichtige Bestätigung, dass die Verantwortlichen auf dem richtigen Weg in die Zukunft sind.

Die fünf Säulen der TGM-Akademie

Der Mannheimer Bundesstützpunkt ist bestrebt, sich stetig weiterzuentwickeln. Daher sind die Verantwortlichen stolz, mit Alina Korrmann eine junge Cheftrainerin verpflichtet zu haben, die offen für neue Wege ist und diese auch professionell vorantreibt. Außerdem wurde mit Marcus Menne, über den Badischen Turnerbund, ein Standortmanager installiert der sich um die Belange der Kaderturnerinnen außerhalb der Halle kümmert und sich somit zu einem wichtigen Ansprechpartner für Athletinnen und Eltern entwickelt hat. Zudem steht er regelmäßig im direkten Austausch mit dem Deutschen Turnerbund und anderen wichtigen Verbandsinstitutionen.

Um die Entwicklung in die Zukunft am Mannheimer Leistungszentrum für alle sichtbar darzustellen, wurde 2018 das Schaubild der TGM-Akademie entwickelt. Ziel ist die Realisierung eines ganzheitlichen Ansatzes, in dem Leistungssport, Gesundheit, Schule, Ausbildung, Beruf, Persönlichkeit sowie soziale Komponenten gleichermaßen entwickelt und gefördert werden. Neben des Hochleistungstrainings in der Halle mit hochqualifizierten Trainern und Übungsleitern stehen auf dem Schaubild fünf Säulen im Fokus. Eine davon ist die sportpsychologische Begleitung der Kader-Athletinnen. 

Pfad der Pionierarbeit

„Mit Laura Giessing als Sportpsychologin haben wir ein absolutes Glückslos gezogen“, macht Sportvorstand Fichtner deutlich und sieht in einer Sportart, in der bereits in sehr jungen Jahren mit dem Leistungssport begonnen wird, längst Handlungsbedarf. Bislang bildet eine regelmäßige sportpsychologische Betreuung im Kunstturnen oder weiblichen Gerätturnen in Deutschland noch immer die Ausnahme. Daher gibt es auch keinerlei Erfahrungsquellen, auf die zurückgegriffen werden konnte.

„Laura Giessing ist fachlich absolute Spitze und hat den Ehrgeiz mit uns diesen Pfad der Pionierarbeit im Spitzensport der Kunstturnerinnen zu gehen“, ist Fichtner überzeugt. Als Doktorandin am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg steht sie mit Psychologin und Sportwissenschaftlerin Dr. Marie Ottilie Frenkel in regem Erfahrungsaustausch und hat mit Prof. Dr. Hennig Plessner, Professor für Sportpsychologie an der Universität Heidelberg, einen weiteren Förderer, der auch in den Gremien des Olympischen Spitzensport beim Deutschen Turnerbund hervorragend vernetzt ist.

„Vielleicht wird auf diesem Wege der DOSB und das BMI aufmerksam und überdenken nochmals das Förderkonzept. In Sportarten wie z.B. im weiblichen Gerätturnen müssen die Athletinnen bereits in sehr jungen Jahren mit dem Leistungssport beginnen. Daher wäre hier eine deutlich frühzeitigere finanzielle Bezuschussung dringend notwendig“, wünscht sich Fichtner. Aktuell finanziert der Förderverein der TG Mannheim die Umsetzung des sportpsychologischen Konzeptes am Mannheimer Bundesstützpunkt. Die Möglichkeiten sind aber leider sehr begrenzt. Eine Erweiterung des bisherigen Konzeptes wäre aber nun der nächste logische und wichtige Schritt..        

Sportpsychologie in und außerhalb der Trainingshalle

Laura Giessing kennt inzwischen die Gemütslagen der Turnerinnen in der LZ-Halle im Mannheimer Pfeifferswörth. Seit Januar 2019 betreut sie die Bundeskaderturnerinnen (ab 11 Jahre) und teilweise auch jüngere Landeskaderturnerinnen am Leistungszentrum. Zusammen mit Cheftrainerin Alina Korrmann hat sie ein Konzept ausgearbeitet mit den Schwerpunkten „Schaffen eines wertschätzenden, lernförderlichen Klimas“, „Stärkung der Selbstfürsorge und Selbstregulation“, und „Stärkung der sportlichen Leistung“. Die sportpsychologische Arbeit umfasst dabei nicht nur die Athletinnen, sondern schließt auch alle Trainer und Übungsleiter mit ein.

Einmal pro Woche, bei Bedarf auch öfter, besucht Laura Giessing das Training, beobachtet die Mädchen, signalisiert ihnen Gesprächsbereitschaft und erarbeitet mit ihnen in Kleingruppen oder in Einzelarbeit Techniken, um den hohen Anforderungen im Leistungssport gerecht zu werden. „Anfangs ging es darum, ihnen zu erklären, was sie erwartet und was Sportpsychologie überhaupt ist. Im Gegensatz zu vielen Erwachsenen waren sie unvoreingenommen. Wichtig ist es, komplexe Zusammenhänge bildhaft darzustellen und dann konkrete Techniken an die Hand zu geben, die sie direkt umsetzen können“, sagt Laura Giessing und gibt ein Beispiel: „Halte einen Eiswürfel in der Hand. Das wird nach einiger Zeit unangenehm. Aber anstatt den Eiswürfel sofort fallen zu lassen, spüre die Kälte ganz bewusst und beobachte deine Gedanken und Gefühle. Du wirst bemerken, dass das unangenehme Gefühl nach einer Weile wieder schwächer wird.“ Auch für Unangenehmes im Training, z. B. eine anstrengende Kraftübung, brauchen die Turnerinnen eine Strategie, um damit umzugehen. Eine Möglichkeit ist, Unangenehmes oder sogar Schmerzhaftes so neugierig zu beobachten, als hätte man es noch nie gesehen. Falls der Schmerz stark bleibt, kann es helfen, die Aufmerksamkeit gezielt auf den Atem lenken.

Doch Laura Giessing zielt in ihrer Arbeit nicht nur darauf ab, zum richtigen Zeitpunkt eine optimale Leistung abrufen zu können. Ihr Ansatz greift tiefer. Sie will bei ihren Schützlingen ein Bewusstsein für die eigenen Bedürfnissen schaffen und so die Selbstfürsorge stärken. Sie sollen erkennen, wie wichtig der Wechsel von Belastung und Erholung ist; wie wirksam auch kleine Pausen sind und was ihre Erholung unterstützt. „Die Trainingsumfänge der Mädchen sind mit häufig mehr als zwanzig Stunden in der Woche sehr hoch. Sie müssen ständig neue Elemente und Techniken lernen, viele erfordern anfangs Mut“, ist ihr zudem die Angstüberwindung ein Anliegen. „Ich lasse die Mädchen auch mal während des Trainings stille Selbstgespräche führen. Dadurch lernen sie die Dinge, die sie mögen oder stören, zu verbalisieren. Es geht dabei darum, ein Bewusstsein für die eigenen Gedanken zu schaffen und wie sie sich auf das Verhalten auswirken.

Was passiert eigentlich in meinem Kopf? 

Im Training und Wettkampf gehen uns ständig Gedanken durch den Kopf. Oft sind es positive Gedanken, die uns motivieren und antreiben. In schwierigen und herausfordernden Situationen können es aber auch negative Gedanken sein, die uns von der Aufgabe ablenken, unsere Stimmung verschlechtern und sich negativ auf unsere Leistung auswirken. Mit diesem Arbeitsblatt kannst du diese „grünen“ und „roten“ Gedanken aufspüren. 

Notiere alle positiven Gedanken, die dir ein gutes Gefühl geben, in der Spalte für „grüne“ Gedanken. Notiere alle negativen Gedanken, die dir ein schlechtes Gefühl geben, in der Spalte für die „roten“ Gedanken. 

Gerätrote Gedankengrüne Gedanken
Aufwärmen

Sprung

Stufenbarren

Balken

Boden

Kraft

Literaturhinweis für die Eiswürfel-Übung: Kaiser Greenland, S. (2011). Wache Kinder: Wie wir unseren Kindern helfen, mit Stress umzugehen und Glück, Freude und Mitgefühl zu erleben (1. Aufl.). Freiburg im Breisgau: Arbor-Verlag.

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